Vagabund sein

18. September 2006

Wer im Fremdwörterbuch das Wort Vagabund nachschlägt, erfährt dort, dass ein Vagabund ein Herumtreiber und Landstreicher ist.
Ich kann mir nicht helfen, aber diese ganzen Wörter klingen doch schon so ein Bisschen anrüchig, oder nicht? Ich bin doch nicht der einzige, der sich beim Wort Landstreicher einen Menschen vorstellt, der mindestens mit einem seiner abgewetzten Stiefel bereits im Knast steht. Oder?
Aber warum eigentlich? Das Wort an sich gibt es nicht her. Ein Landstreicher ist jemand, der durch die Lande streift. Ein Herumtreiber ist jemand der herum kommt, weil es ihn treibt. Gut, vom Wort her könnte es auch jemand sein, der irgendetwas oder irgendjemanden herumtreibt, also z.B. ein Hirte, der seine Kühe, Ziegen und Schafe in der Gegend umhertreibt. Aber ich vermute, dass mit Herumtreiber eigentlich ein Herumgetriebener gemeint ist. 
Vagabund kommt von vagare. Das ist Lateinisch und heißt „herum streifen“.
Irgendwie, finde ich, passt das alles nicht zusammen – jedenfalls nicht mehr. Das große Stichwort unserer Zeit heißt Globalisierung. Alles ist miteinander verbunden und es reicht lange nicht mehr, sich mit den paar Leutchen in seinem Umfeld auseinander zu setzen. Immer muss man den „Gesamtkontext“ mit einbeziehen. Und dazu gehören all die vielen Menschen auf den ganzen anderen Teilen der Welt, die für uns die Bananen pflücken und unsere Klamotten nähen und dafür unsere Autos und Maschinen kaufen dürfen, oder unsere Entwicklungshilfe bekommen oder unsere Ignoranz zu spüren bekommen.
Dann sind da Leute, die kommen viel herum, sind mal hier, mal dort, sammeln viele Erfahrungen, sind frei in Kopf und Leben. Sie lösen sich von den kleinen und großen Diktaten eines geradlinigen Lebens, stellen sich Herausforderungen, indem sie ausziehen in die verschiedensten Ecken dieses (eigentlich gar nicht so eckigen) Planeten. Sie begegnen kulturell Fremdem, erweitern ihren Horizont. Sind fit in Kommunikation – mit und ohne Fremdsprachen. Sie knüpfen Freundschaften hier und überall. Finden überall ein zu Hause.
In der Generation Praktikum, die jüngere Schwester der Generation Golf, wissen alle, die Auslandserfahrung bringt‘s. Einmal weit weg sein. Sprache lernen, sich für eine internationale Firma versklaven, Lebenslauf aufpeppeln. Dann schafft man den ganz großen Schritt ins Berufsleben sicher ein Praktikum früher als die Daheim-, respektive Zurückgebliebenen.
Doch die eigentlichen Vagabund, die Herumtreiber, treibt etwas anderes. Sie zeichnen sich aus, nicht so in ihrer Gesellschaft verankert zu sein. Sie bleiben außen, wahren den kritischen Blick. Stoßen hinzu, lauschen hinein. Sie verstehen gut, wie es läuft und sind mit der Gesellschaft lebensfähig – mit ihr, nicht durch sie. Sie sehen, was zu fördern ist und spüren, was die Auflösung der gesellschaftlichen Strukturen fördert. Sie wissen, was Ihnen in der Gesellschaft fehlt. Und sie sind da, geben die Menschheit nicht auf ­– nicht hier und nicht woanders. Sie sind Konstrukteure an einer Traumwelt, in der auch sie sich zurücklehnen könnten. Im festen Glauben, dass es nicht einfach gut ist, wie es ist, streifen sie herum. Machen sich zu Instrumenten des Wandels. Und sind gleichzeitig des Wandels Kinder, denn sie sind ständig in Bewegung, auch im Geiste. Sie unternehmen analytische Streifzüge durch die eigene Seele, formen und gestalten sie. Sie bewegen einen mobilen Kopf durch ein mobiles Leben. Mit ihrer Flexibilität sind sie den Erfordernissen ihrer Zeit angepasst, gehen sicher auf ihren zwei Beinen – wohlgemerkt, sie gehen, sie stehen nicht.
Menschen, die in Bewegung sind, können auch etwas bewegen. Da glaube ich dran. Nein, das ist ist keine Naivität. Das ist der neue Vagabundismus, der da spricht. In einer Welt/ Zeit, in der Mobilität gefragt ist, sollten wir die negativen Konnotationen ablegen, die an dem Herumstreunen haften. In einer Welt in der auf der einen Seite mehr Geld pro Person und Jahr ausgegeben wird, als die Menschen auf der anderen Seite pro Kopf und Leben für Schulbildung ausgeben können, braucht es Vagabunden, die sich nicht ins Gefüge einfinden können, die nicht an Konstanten glauben, die sehen und anklagen, die an der Ordnung kratzen – und die in großen, kleinen und sehr kleinen Schritten am sozialen Aufbau arbeiten.
Lasst uns Vagabunden sein.

Eine Antwort zu “Vagabund sein”


  1. [...] Nun, was für mich Vagabundieren bedeutet, habe ich ja im ersten Post geschrieben (und ich empfehle hier mal ganz blog-unlike von unten nach oben zu lesen). Vielleicht sollte ich jetzt noch ein Bisschen was über mich und meine Vagabundiererei schreiben. Und warum ich diesen Blog vagabunden.leben.im.einundzwanzigsten.jahrhundert überschrieben habe. Also, das begab sich so: Es war einmal ein kleiner Schuljunge, der sich manchmal in der Schule gelangweilt hat. Er spürte irgendwie, dass die Schule ihn nicht so wirklich auf das Leben in der großen weiten Welt vorbereiten würde. Das Leben, das wusste er auch, würde anderes von ihm fordern, als mathematische Gleichungen mit 3 Unbekannten zu lösen. Und dass die Schule das eigentlich Unbekannte offen lassen würde. Zum Milleniumswechsel war dann die Schule endlich vorbei. Nichtmal eine Woche später ging der erste Flug in die große weite Welt. Bolivien war es, das aus dem Schuljungen unwiderruflich einen Vagabunden gemacht hat. Aber mit Vagabundiererei ist ja nicht mehr nur loses Herumwandern gemeint, es verbindet eine kritische Weltsicht und der feste Glaube, dass es möglich ist, die Welt ein Bisschen besser zu verlassen, als man sie vorgefunden hat. Gleich die erste Reise verband die Erkundung der schönen und interessanten Dinge des Landes mit entwicklungspolitischen Themen, und einer kritischen Auseinandersetzung mit dem öffentlichen sozialen Sektor. Und so ging es dann weiter. Nein, erst noch brav Zivildienst machen, dann weiter. Wieder Südamerika. Reisen zur Selbsterfahrung, Erkundung von Land und Leuten, Arbeiten in verschiedenen sozialen Einrichtungen. So ging es dann weiter. Bolivien hat sich wie ein roter Faden durch die letzten Jahre gezogen. In einer mathematischen Gleichung wäre das die Grundkonstante. Die Variablen liegen in Ostafrika und Südostasien. Alle Aufenthalte dienten zum Erwerb “praktischer Erfahrung”, wie es in meinem Lebenslauf heißen würde. Eigentlich ging es um Selbstbildung, die ganzen großartigen Erfahrungen mit fremden Menschen und natürlich immer wieder freiwillige Arbeit in verschiedenen Einrichtungen, die mit den verschiedensten Menschen gearbeitet haben, Straßenkinder, oder Kinder in Armutsverhältnissen, verschleppte Mädchen und Frauen, Menschen mit HIV und so weiter. Und warum das alles? Nun, mittlerweile war aus dem Schüler ein Student geworden. Und auch die Uni kann in ihrer Lehre doch ein wenig einseitig sein. Da muss noch etwas dazu, da muss man raus, sich angucken wovon die an der Uni sprechen. Ethnologie und Pädagogik sind großartige Fächer, wenn man aber nicht raus geht, versteht man nie so ganz, worum es wirklich geht. Und Verstehen ist wichtig für Vagabunden. Also, raus! So wie jetzt, in gut 2 Wochen steht die nächste Reise an. Diesmal Brasilien und die umliegenden Länder. “Wie macht der das bloß immer?” fragen sich viele. Nun, bescheiden Leben und fleißig arbeiten hilft schon mal. Der DAAD hat die Magisterarbeit gesponsert. Weiterhin wurde aus dem Studenten irgendwann auch noch ein GLENy, das sind Menschen, die von ASA ein Stipendium bekommen, um im Global Education Network (GLEN) mit zu machen. Diese versenden junge Europäer als Tandem für drei oder vier Monate in die weite Welt, um praktische Erfahrungen zu sammeln, so wie den Steppenwolfen und seine tschechische Partnerin. Das Großartige an diesem Netzwerk ist, dass es immer noch am wachsen ist und in ganz Europa viele junge Leute viele tolle Dinge auf die Beine stellen (deswegen räume ich GLEN hier auch ein Bisschen mehr Raum ein). [...]


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