aus Cochabamba, 11.1.2006, 18.30 bolivianischer Zeit
Nach der Reise mit meiner Schwester durch Brasilien, die unter http://brasilien.wordpress.com ausfuehrlich dokumentiert ist, gedachte ich eigentlich erstmal eine kleine Blogpause einzulegen.
Doch die aktuellen Ereignisse in Bolivien, wo ich mich gerade aufhalte, bewegen mich, doch ein Bisschen ausfuehrlicher von hier aus zu berichten.
Seit heute 3 Uhr nachmittags tobt der Mob auf den Strassen von Cochabamba. Einige Campesinos vom Land blockieren seit 2, 3 Tagen diverse Teile des Stadtzentrums. Die Medien bezeichnen sie als “die Cocaleros”, sprich die Kokabauern aus dem Chapare. Vermutlich um ihre Zugehörigkeit zu der linksradikalen Partei MAS des Präsidenten Evo Morales, der ebenfalls ursprünglich Kokabauer war, auszudrücken. Die Stimmung zwischen ihnen und der so genannten “Demokratischen Jugend”, die in Wirklichkeit weder demokratisch, noch primaer jugendlich ist, war in den letzten Tagen ziemlich hoch gekocht. Fuer heute war departamentweit die Niederlegung der Arbeit ausgerufen. Im Wesentlichen sollte dies dazu dienen, dass die Bürger zu Hause bleiben und so weitere Auseinandersetzungen vermieden werden können. Doch durch die Arbeitsbefreiung hatten alle Zeit, auf die Strasse zu gehen, was mehrere 10 Tausend auch taten. Die “Demokratische Jugend” versammelte ihre MitstreiterInnen an diversen Orten im Norden der Stadt unter dem Deckmantel einer Demonstration fuer den Frieden. Doch die “FriedensdemonstrantInnen” mit ihren weissen T-Shirts versammelten sich bereits mit Stoecken, Ketten und allem Moeglichen, und hatten sich das Ziel gesetzt, die Plaza einzunehmen. Diese war, wie andere zentrale Plaetze, von den Campesinos besetzt und ist dies immer noch zum Zeitpunkt an dem ich diese Zeilen schreibe.
Ich hatte mich mit einigen Freunden auf der Strasse getroffen, weil wir fuer den Frieden demonstrieren wollten, sind aber sofort nachdem wir die aggressive Stimmung gespuert haben, zu einem Freund nach Hause haben die Unruhen vom Fernseher aus verfolgt. Kaum dort angekommen brach die Gewalt aus und nicht weit von da, wo wir uns noch vor 15 Minuten aufgehalten haben, wurden zig Menschen durch Steinwuerfe und Stockschlaege verletzt.
Bislang ist mindestens einer tot geblieben. Die Vertreter der Campesinos sprechen von 4, die die Presse noch nicht gesehen hat. Knapp hundert Verletzte werden bereits in den Krankenhaesern behandelt. Die Gewalt tobt weiterhin auf den Strassen. Vor einer halben Stunde ist das Militaer angerueckt und hat es teilweise geschafft, sich zwischen die Fronten zu stellen. Aber die eine angerückte Division ist nicht zahlreich genug, um wirklich etwas ausrichten zu koennen. Zumal zur Stunde LKWs aus dem armen Sueden der Stadt im Zentrum ankommen, um die MASistas zu unterstuetzen.


